chronik der fendt von oberdorf


 
 
(Früh-)Geschichte des Fendt-Vario-Getriebes

Auszug aus der Dokumentation „Die schwere Kindheit des Vario-Getriebes
der Fa. X. Fendt & Co.“ von Prof. Dr. Heinrich Fendt, 2008 [Quelltext]


Neue Ideen durchlaufen drei Stadien:
- Zuerst sind sie lächerlich,
- dann undurchführbar und
- schließlich hat sie jeder schon gehabt.

frei nach Arthur Schopenhauer


Bereits in den 60er Jahren beschäftigte sich Hans Marschall, Maschinenbautechniker bei der Fa. Xaver Fendt & Co. in Marktoberdorf, mit der Idee stufenloser hydrostatischer Traktorengetriebe, wobei er sich stets Vorbehalten aus der Fachwelt sowie hausinternen Bedenken und Widerständen gegenüber sah. So wurden insbesondere die Stabilität des Wirkungsgradverlaufs über einen genügend großen Regelbereich, ein unausgewogenes Leistungsgewicht sowie eine übermäßige Geräuschentwicklung als Problem gesehen. Doch Marschall kämpfte gegen alle diese Einwände unbeirrt an und präsentierte 1973 ein technisch anspruchsvolles Konzept eines stufenlosen hydrostatisch-mechanischen Leistungsverzweigungs- antriebes, das am 13.07.1973 von der Firma Xaver Fendt & Co. zum Patent angemeldet wurde [DE 2335629].

Auf die Patentierung folgten Jahre langwieriger Versuche mit diversen Getriebevarianten (firmeninterne Bezeichnung: TriStat) bis Marschall zum Jahreswechsel 1981/82 schließlich einen Prototyp liefern konnte, der auch für viele der Kritiker „überraschend gut funktionierte“. Dieses Getriebe war auf Basis einer Schwenkpumpe und zweier Schwenkmotoren aufgebaut, die von Marschall technisch so verändert und angeordnet wurden, dass sie im Neutralzustand praktisch ohne Reibungsverlust liefen. Für das Gesamtgetriebe ergaben sich dadurch - trotz des hohen hydrostatischen Leistungsanteils - beeindruckende Wirkungsgrade. Im direkten Leistungsvergleich mit einem Favorit 615 LS (FWA 285 S) zeigte der Antrieb seine ganze Überlegenheit, belegt durch ein im Rahmen weiterer Prüfstandversuche erstelltes Zugkraftvergleichsdiagramm [1]. Die Wirkungsgrade in den Fahrstufen 1 und 2 mit Fahrgeschwindigkeiten von 0 bis 36 km/h lagen stabil zwischen 86% und 87%. Diese Leistungsdaten wurden damals als geradezu spektakulär empfunden. Auch wird erzählt, dass der auf 300 PS ausgelegte Prüfstand in der Fendtschen Versuchsabteilung dem Leistungsvolumen des Getriebes nicht mehr gewachsen war und "heiß" lief. Doch selbst diese überaus ermutigenden Testergebnisse führten nicht zu der von Marschall erhofften Aufnahme des Antriebs in den Entwicklungsplan der Firma. Die im Hause X. Fendt für die Getriebeentwicklung verantwortlichen Abteilungsleiter waren von Marschalls Konzept nicht zu überzeugen und setzten andere Prioritäten (P7-Getriebe, 3500er ZF-Getriebe). Auch übten sie ihren fachlichen Einfluss auf Dr. Hermann Fendt aus, so dass der Prototyp des ursprünglich für die Favorit-Reihe bis 300PS vorgesehenen TriStat-Getriebes schließlich im Keller der Entwicklungsabteilung verschwand.

Marschall verfolgte sein visionäres Konzept jedoch beharrlich weiter und kämpfte um Anerkennung und Unterstützung seiner Vorgesetzten. So versuchte er schon 1980 über Dipl.-Kfm. Peter Fendt, dem ältesten Sohn von Dr. Hermann Fendt, Einfluss auf dessen Vater zu nehmen, um eine Aufnahme seines Getriebes in den offiziellen Entwicklungsplan zu erreichen. Dies wurde von Dr. Hermann Fendt jedoch energisch abgelehnt. Zunächst sollte die Farmer 300er Serie Vorrang in der Entwicklung haben. Als sich 1981 die Gebrüder Fendt aus der Geschäftsleitung zurückzogen, ließ der neu installierte Vorsitzende, Dr. Ahrens, ein Dossier anfertigen, das ausführlich darlegte, weshalb das TriStat-Getriebe im Hause X. Fendt keine Zukunft haben konnte.

1986 holte Peter Fendt, damals Geschäftsführer der Fa. Schlang & Reichart (S&R), mit Christian Rummel einen jungen Entwicklungsingenieur der Fa. X. Fendt als Vertriebseiter und Prokuristen zu sich in die Firma. Da Rummel die Verhältnisse bei Fendt und auch die Blockadehaltung der FuE-Verantwortlichen gegenüber dem innovativen TriStat aus eigenem Erleben bestens kannte, reifte bei S&R schnell der Gedanke, das TriStat-Getriebe zusammen mit Marschall zur Serienreife zu führen. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch aufgrund der unzureichenden finanziellen Mittel sowie des Risikos einer späteren Alleinvermarktung. Zudem versagte die Fa. X. Fendt jegliche Unterstützung, um auf deren Prüfständen weitere Versuche durchführen zu können. So brachte Rummel einen gesundheitlich bereits schwer angeschlagenen Marschall mit Prof. Dr. Heinrich Fendt zusammen, der zu dieser Zeit als Pionier der Strategischen Patentanalyse, eines Data-Mining-Werkzeugs zur Früherkennung technischer Entwicklungsmuster und –trends, galt. Prof. Fendt steht mit der Schlepper-Dynastie zwar in verwandtschaftlicher Beziehung, hatte mit der Fa. X. Fendt sonst jedoch keine weiteren Berührungen. Aufgrund seiner mit zahlreichen Veröffentlichungen zur technischen Trendforschung [2] belegten Reputation war er für Marschall jedoch der lang ersehnte „Türöffner“ bei dessen Großonkel Hermann Fendt.

Am 13. November 1986 führte Prof. Fendt mit Hans Marschall ein längeres Gespräch über den Entwicklungsstand des Getriebes. Marschall schilderte darin auch ausführlich das Widerstandssystem im Hause Fendt sowie das Geflecht von Partikularinteressen, in dem er seine Idee gefangen sah: Es war das Bollwerk, das es zu überwinden galt.
Marschall stellte Prof. Fendt verschiedene Unterlagen für eigene Recherchen zur Verfügung. Im Rahmen von Patent- und Potenzialanalysen zu hydrostatisch-mechanischen Antrieben fand dieser das Entwicklungs- und Verwertungspotenzial bestätigt, das Marschall und Rummel bereits angedeutet hatten. Diese Erkenntnisse teilte Prof. Fendt seinem Großonkel Ende November 1986 mit und weckte damit dessen Interesse sowie die Bereitschaft zu vertiefenden Gesprächen, die dann während der Weihnachtstage 1986 stattfanden. Dabei legte Prof. Fendt seinem Großonkel die Wiederaufnahme der Entwicklungsarbeiten am TriStat-Getriebe nahe, obwohl er dessen ablehnende Haltung zu diesem Projekt kannte. Doch offensichtlich konnte er überzeugen, denn nur kurze Zeit nach dem letzten Gespräch am Neujahrstag 1987 wurde der TriStat aus seinem langjährigen Dornröschenschlaf erweckt. Die vom damaligen Entwicklungschef, Professor Stroppel, bereits eingeleitete Aufgabe des Patents - wegen fälliger Gebühren in Höhe von DM 2.000 ! - konnte Dr. Hermann Fendt noch rechtzeitig verhindern und auch die verantwortlichen Entwickler gaben ihre langjährige Blockadehaltung auf. Mit der Intervention von Dr. Hermann Fendt war der entscheidende Impuls für die Weiterentwicklung des Marschallgetriebes bis zur Serienreife gesetzt!

Das TriStat-Projekt wurde zunächst an Marschall übergeben, der jedoch 53-jährig im Jahr 1989 verstarb, so dass er sein Lebenswerk selbst nicht mehr vollenden konnte. Mit der Reaktivierung seiner Konzeptidee vollzog die Firma X. Fendt jedoch eine Kehrtwende. Stand bis dahin noch die Entwicklung von lastschaltbaren Stufengetrieben mit kaum mehr handhabbaren 48 Vor- und Rückwärtsgängen im Vordergrund Fendt´scher FuE-Aktivitäten, verlagerte sich der Schwerpunkt zu Beginn der 90er Jahre konsequent in Richtung stufenloser hydrostatisch-mechanischer Leistungsverzweigungsgetriebe ohne zusätzliche Schaltstufen. Dabei setzten nicht nur die ersten Arbeiten von Reisch, Heindl und Meyerle auf der Konzeptidee von Marschall auf. Nach der Neuausrichtung der Getriebeaktivitäten in den Jahren 1987/88 und dem sich abzeichnenden Durchbruch des hydrostatischen Fahrantriebs sonnten sich schnell viele Beteiligte, Unbeteiligte, aber auch die ehemals hartnäckigen Bremser und Blockierer im Glanz des Erfolges. Und dies lange bevor Hans Marschall als der maßgebende Erfinder und visionäre Kopf in Verlautbarungen des Hauses Fendt Erwähnung fand. Erst nach über 30 Jahren! seit Patentanmeldung war dann schließlich im Fendt Programm 2007 zu lesen: „Die Idee zu einem stufenlosen Antrieb mit Leistungsverzweigung gehen weit zurück. Seiner Zeit weit voraus, beschäftigte sich der Fendt-Entwicklungsingenieur Hans Marschall bereits in den 70er Jahren mit den ersten Konzeptideen. 1988 wurde dann die Entscheidung für die Entwicklung zur Serienreife getroffen“.

Nicht erwähnt wird, dass Marschall seiner Idee seine Gesundheit und wohl auch sein Leben geopfert hat. Ohne das Engagement und die unbändige Beharrlichkeit von Hans Marschall und ohne das finale Zutun von Professor Dr. Fendt hätte es im Hause Fendt vermutlich nie ein Variogetriebe gegeben.